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Interview: Die Kunst zu Verzeihen

Autor

Martin Weiss

Datum

10 Oktober 2020

Kategorien

Der Deutschlandfunk hat mit mir ein kurzes und knackiges Interview zum Thema »Verzeihen« durchgeführt.
Die Themen unter anderen:

Warum Verzeihen zu allererst (und positiverweise) ein egoistischer Akt ist.

Warum und wie Unverzeihen unser Gehirn unter enormen Stress setzt.

Welche 3 Schritte für ein gutes Verzeihen hilfreich sind.

Und wann man sich besser nicht versöhnt.

Hier geht’s zum Interview.

24 Kommentare

  1. Bettina

    Ich kann nur nochmals darauf und auf meine weiteren Ausführungen unter https://bigshift.live/wie-du-verzeihen-kannst-inkl-coachingtechnik/ verweisen:
    „Vergebung anzustreben halte ich für einen der gewaltvollsten Schritte, die wir unserem verletzten inneren Kind antun können. Ich würde angesichts solcher Verzeihungs- oder Vergebungsbemühungen anraten, sich erst einmal zu fragen, welche Motivation dahintersteckt. Denn nicht selten ist es die tiefer liegende Angst, keinen Frieden finden zu können, wenn wir nicht verzeihen.“
    Sanchez, Maria. Die revolutionäre Kraft des Fühlens (Gräfe und Unzer Einzeltitel) (German Edition) (S.122-123). GRÄFE und UNZER Edition. Kindle-Version.

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    • Martin Weiss

      Ich finde es wichtig, das Zitat im Gesamtzusammenhang zu lesen.
      So schreibt Sanchez direkt vor der von Dir zitierten Passage:
      »Ein wirklich tiefes – das heißt uns als gesamtes Wesen umfassendes – Mitgefühl für die Situation unserer Eltern könnte nur aus einer vorab bedingungslosen Loyalität zu unseren verletzten Kindseiten entstehen. Dazu gehört auch, die Verwundungen des inneren Kindes durch Macht-Ohnmacht-Erlebnisse wahrnehmen zu lernen und ernst zu nehmen. Ich empfehle dringend, den Impuls bei sich zu überprüfen, den Eltern verzeihen oder vergeben zu wollen. Vergebung kann man nicht machen, sie geschieht. Und zwar dann, wenn sie innerhalb eines Prozesses geschehen will. Es gibt kein „Du musst!“ oder „Du solltest!“ dabei. Das ist sehr wichtig.«
      Es geht Sanchez also nicht darum, die Vergebung zu diskreditieren, sondern den Zwang zur Vergebung.
      Dem stimme ich voll und ganz zu.
      🙂
      Martin

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  2. Bettina

    Und ich finde es wichtig, dass der Sinn des Zitats korrekt wiedergegeben wird. Es geht nicht, wie Du suggerierst, um die Frage, ob ein Zwang vorliegt, sondern darum: „Vergebung kann man nicht machen, sie geschieht.“
    Du propagierst mit Deinem Angebot, dass Verzeihen machbar wäre. Das ist schlicht falsch. Was ich in meinem o.g. Beitrag auch bereits ausführlich dargelegt habe.
    Bettina

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    • Martin Weiss

      Hi Bettina
      es gibt einige Punkte, bei denen ich Dir voll und ganz zustimmen kann.
      Verzeihen kann und darf nicht erzwungen werden.
      Und die Aussage, dass Verzeihen geschieht (bzw. eher ein »emergentes Ereignis« sei), halte ich ebenfalls für richtig.
      
Andererseits bin ich der Meinung, dass Verzeihen nicht einfach so wie ein »Wunder« über uns kommt, sondern dass unsere aktive Beteiligung und Mitarbeit notwendig ist.
      Das hat meines Erachtens im Wesentlichen damit zu tun, wie unser Gehirn »Verletzendes« verarbeitet.
      In ihrem Buch »Shattered Assumptions« legt die (ehemalige) Psychologie Professorin Ronnie Janoff-Bulman anhand zahlreicher psychologischer Studien dar, dass verletzende Erlebnisse zunächst von ihren Opfern verdrängt werden.
      Danach jedoch tritt eine Phase des »Wiederkäuens«, der »Rumination«, des »Grübelns« ein. Dabei werden die Opfer vom Gehirn quasi unfreiwillig durch »Erinnerungen« bombardiert. Ich zitiere im O-Ton: »Nevertheless, a more complete understanding of this curious repetitive phenomenon lies in recognizing the role of the actual images and recollections in light of the victim’s coping dilemma postvictimization. The survivor must rebuild shattered assumptions; from prior assumptions and new, threatening data, the victim must arrive at a viable, assumptive world. Reexperiencing the event through unbidden thoughts and images is primarily in the service of this crucial cognitive reconstruction process. Each time the event is reexperienced, the new data can be “worked on,” such that gradually the complementary processes of assimilation and accommodation can effectively meld the old and new. «Janoff-Bulman, Ronnie. Shattered Assumptions: Towards a New Psychology of Trauma (S.106). Free Press. Kindle-Version.
      Zu Deutsch: Die Opfer werden vom ihrem Gehirn mit den Erinnerungen konfrontiert, um Wege zu finden, ihr erschüttertes Weltbild erneut aufzubauen.
      Wenn man jedoch nicht weiß, wie man Vergangenes am besten konstruktiv reflektieren und aufarbeiten kann, besteht nicht nur die Gefahr, dass dieser Prozess der »Rumination« Jahre oder gar Jahrzehnte dauern, sondern zu Depressionen, Aggressionen und schließlich zu einer chronischen Verbitterung führen kann.
      Ergänzend dazu noch ein Hinweis auf eine weitere Studie zum Thema »Rumination«: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25047295/
      Außerdem besteht die Gefahr, dass Menschen in ein toxisches »Opferdenken« verfallen, aus dem heraus sie dazu neigen, selbst zu Tätern zu werden (Verletzte Menschen verletzen Menschen). Scott Barry Kaufman hat auf der Scientific American Website eine Handvoll Studien vorgestellt, die die Überzeugung vertreten, dass Menschen mit Opferdenken u.a. dazu neigen können, unempathisch zu werden und aus ihrer Verletzung das Recht ableiten, andere übervorteilen zu dürfen. https://www.scientificamerican.com/article/unraveling-the-mindset-of-victimhood/
      Wenn man jedoch etwas methodisch vorgeht, kann man den Prozess der »Rumination« meiner Meinung sehr wohl fruchtbringender gestalten – und auf natürliche Art und Weise verkürzen. Ohne Druck und ohne Zwang. Und wie Romanoff sagt, in einem schrittweisen (»gradually«) Prozess.
      Letztendlich zielen ja viele Coaching- und Therapie-Ansätze darauf ab, den Prozess der »Rumnination« zu erleichtern und nicht unnötig zu verlängern, weil der Coachee bzw. der Klient (noch) nicht über die Fähigkeiten verfügt, den Reflektionsprozess zu meistern.
      In meiner Arbeit, die sich vor allem für Alltags-Verletzungen (nicht aber für schwere Traumata) eignet, adressiere ich sowohl die intellektuelle Ebene (Verstehen), als auch die emotionale. Vor allem aber beziehe ich unsere »intuitive Intelligenz« (Innere Stimme) mit ein, die uns meines Erachtens wichtige Hinweise liefern kann, wie wir die schmerzlichen Erfahrungen in posttraumatisches Wachstum verwandeln können. Siehe dazu auch die Ansätze wie zum Beispiel »Internal Family Systems« oder auch die Arbeit von Luise Reddemann, die in ihrer Arbeit einen »heilen Kern (Buddha-Natur)« berücksichtigen. http://www.luise-reddemann.de/luise-reddemann/
      Mein persönliches Fazit: Es ist wichtig, ja unumgänglich, dass wir den Prozess der »Rumination« bewusst und aktiv gestalten, um so den Boden dafür zu bereiten, dass ein »Verzeihen« von sich aus geschehen kann.
      Martin

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  3. Bettina

    Hallo Martin,
    was früher „Rumination“ genannt wurde, findet sich heute unter dem Stichwort „natürliche Gedächtnisrekonsolidierung“ wieder.
    Mit intentionaler Gedächtnisrekonsilidierung gleichzusetzen ist insofern der erste Teil Deines persönlichen Fazits: „Es ist wichtig, ja unumgänglich, dass wir den Prozess der »Rumination« bewusst und aktiv gestalten …“. Soweit, so gut. Denn das geschieht ja auch in einer Therapie..
    Nicht einverstanden bin ich mit Deinem Versuch, darüber Dein „Verzeihens-Konzept“ quasi durch die Hintertür hereinzumogeln. Denn Gedächtnisrekonsolidierung heißt nicht, darauf ABZUZIELEN („so den Boden dafür zu bereiten“), „dass ein »Verzeihen« von sich aus geschehen kann.“ Genau das tust Du mit Deinem Konzept jedoch. Und stellst darin Verzeihen nach wie vor falsch als etwas dar, was „machbar“ sei.

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    • Martin Weiss

      Hi Bettina
      dass »Rumination« heute als »Gedächtnisrekonsolidierung« firmiert, ist mir neu.
      Kann es sein, dass Du »Gedächtniskonsolidierung« (also ohne das »re«) meinst?
      Ansonsten kann ich die Aussage (noch) nicht nachvollziehen. Mir ist bekannt, dass zu viel »Rumination« zu einer Konsolidierung einer Erinnerung führen kann, aber die »Rekonsolidierung« von Erinnerungen ist meines Erachtens nach ein vollkommen anderer Prozess.
      Wenn Du magst, sende mir gerne doch ein paar Links zu, wo ich das weiter erkunden kann, denn auch bei Google bin ich nicht fündig geworden.
      😉
      Martin

      Antworten
      • Bettina

        Rumination ist ebenso wie der Prozess der Gedächtniskonsolidierung letztlich immer ein Vorgang der Gedächtnis-Re-Konsolidierung, bei dem Erinnerungen wiederholt aufgerufen, mit den aktuellen Wahrnehmungen verglichen und wieder abgespeichert werden. Wobei es dysfunktionalerweise nicht selten dazu kommt, dass alte Erinnerungen als „beliefs“ im Wege der „sich selbst erfüllenden Prophezeiung“ dafür sorgen, dass man sich genau das Erleben schafft, was man ruminierender Weise zu vermeiden suchte.
        Zur Kenntnis des aktuellen Forschungsstands empfehle ich den Besuch einer akkreditierten psychotherapeutischen Fortbildung. Google und alte Bücher sind da wohl, wie ich schon an anderer Stelle sagte, kaum die richtigen Quellen.

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        • Martin Weiss

          Die gedankliche »Konsolidierung« und die »Rekonsolidierung« sind meines Erachtens zwei vollkommen gegensätzliche Prozesse.
          Bei der »Konsolidierung« werden Gedanken verfestigt. Bei der »Rekonsolidierung« werden Gedanken verändert.
          Deine Aussage, dass die »Konsolidierung« ein Teil der »Rekonsolidierung« macht in meinen Augen genau so viel Sinn wie die Behauptung, dass einen Nagel in die Wand zu schlagen ein Teil des Prozesses wäre, ihn wieder aus der Wand zu ziehen.
          Darüber hinaus steht »Rumination« nicht nur in engem Zusammenhang mit Depressionen https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S105381191930878X) sondern möglicherweise auch mit Traumata und der Entwicklung posttraumatischer Stresssymptome (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2874837/).
          Laut Bruce Ecker können Traumata und die damit einhergehende »Rumination« per «Gedächtnis-Re-Konsolidierung« gemildert oder sogar aufgelöst werden.
          Demnach ist die «Gedächtnis-Re-Konsolidierung« eher als Heilmittel gegen »Rumination« zu betrachten. Siehe auch: https://www.researchgate.net/publication/281571640_UNDERSTANDING_MEMORY_RECONSOLIDATION/link/569de33408ae00e5c98f0dcf/download
          Deine Aussage, »was früher „Rumination“ genannt wurde, findet sich heute unter dem Stichwort „natürliche Gedächtnisrekonsolidierung“ wieder« deckt sich weder mit den Erkenntnissen aus den Studien oben, noch mit irgendeiner mir bekannten wissenschaftlichen Arbeit..
          Und da ich trotz intensiver Suche keine einzige Studie gefunden habe, die Deine Ansicht stützt, bitte ich Dich erneut, Deine These mit eindeutigen Quellenangaben zu belegen.

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          • Bettina

            Ich habe meine Aussage kommentierend bereits klargestellt. Bitte bezieh Dich korrekterweise darauf.

          • Martin Weiss

            Wo genau ist Dein Quellennachweis oder Beleg dafür, dass »Rumination … ein Vorgang der Gedächtnis-Re-Konsolidierung« ist?
            Kannst Du nun liefern oder nicht?

    • Martin Weiss

      Und zum zweiten: Ich mogele nix über irgendwelche Hintertüren rein und empfinde Deine Aussage als rhetorisch übergriffig und unangemessen.
      Ich möchte Dich bitten, Dich um mehr Sachlichkeit und einen wertschätzenden Dialog zu bemühen.
      Danke.

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      • Bettina

        Getroffen? Verzeihen soll helfen.
        Und gern wiederhole ich mich: Du versuchst, mit (inzwischen auffälliger Häufung) rhetorischer Trickserei Deine Ideen quasi durch die Hintertür wieder in den Vordergrund zu MOGELN.
        Das ist schlicht unlauter. Da kannst Du meinen Vorwurf noch so gegenrhetorisch entrüstet als „übergriffig, unangemessen, unsachlich und nicht wertschätzend“ von Dir weisen. Es ändert nichts an den Tatsachen.

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        • Martin Weiss

          Der Unterschied zwischen Dir und mir besteht darin, dass ich schreibe, wie ich etwas »empfinde«, also zu meiner gefühlten Subjektivität stehe, während Du Deine Meinung als »Tatsache« darstellst.

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          • Bettina

            Dass Du Dich unlauterer manipulativer Techniken der eristischen/rabulistischen Rhetorik bedienst, ist keine subjektive Meinung von mir, sondern eine Tatsache, die von jedem Mitleser leicht überprüft werden kann.

          • Martin Weiss

            Stimmt.
            Jeder Leser kann hier schwarz auf weiß nachlesen, wie Du vorgehst.
            Du stellst eine These in den Raum, der ich widerspreche.
            Statt zu sagen, »hey Martin, Deine Argumentation finde ich nicht schlüssig, weil…«, und damit auf der Sachebene zu bleiben, stellst Du meinen Widerspruch als »Mogelei« dar und greifst mich persönlich an, in dem Du mich (nicht nur an dieser Stelle) als »Betrüger« hinstellst.
            Ob das »lauter« oder »unlauter« ist, lasse ich an dieser Stelle einfach mal offen.

  4. Martin Weiss

    Zum Dritten: Ich bleibe dabei, dass es einen aktiven Anteil gibt, den wir leisten können und auch sollten, um »Verzeihen« zu ermöglichen.
    Einfach darauf zu warten, dass das »Verzeihen« vom Himmel fällt, halte ich persönlich für die falsche Vorgehensweise. Du magst da anderer Meinung sein, und das respektiere ich.
    »Verzeihen« ist auch kein Mysterium, das über einen kommt, sondern meines Erachtens ein normaler, alltäglicher Prozess, den viele Menschen schnell und einfach viele Male am Tag durchlaufen, ohne es überhaupt zu bemerken. Wer Kinder hat, weiß, was ich meine.
    Eine Ausnahme bilden dabei jedoch schwere, und vor allem auch komplexe Traumata. Diese Verzeihens-Prozesse sind meines Erachtens oft zäh, weil sie emotional so extrem geladen sind und die Erinnerungen mit einem langjährig gewachsenen Geflecht von anderen schmerzlichen Erinnerungen, negativen Überzeugungen und Entscheidungen vernetzt sind.
    Aber auch hier ist »Verzeihen« möglich, wie zahlreiche Studien zum posttraumatischen Wachstum belegen.
    😉
    Martin

    Antworten
  5. Bettina

    Du widersprichst Dir selbst. Einerseits räumst Du ein, das „Verzeihen“ ein emergentes Ereignis ist, das nicht „gemacht“ werden kann. Trotzdem möchtest Du es „machen“ und nicht darauf warten, dass es von allein geschieht.
    Mit anderen Worten: Du willst die Realität nicht anerkennen, sondern stellst Dich stur dagegen. Zu was derlei Kampf gegen das Leben führt, ist hinlänglich bekannt.
    Soweit Du Deine „Realität“ so gestalten willst, steht Dir das selbstverständlich frei. Bedauerlich ist jedoch, dass Du versuchst, auch andere Menschen in Deinen Kampf gegen die Wirklichkeit hineinzuziehen.

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    • Martin Weiss

      Das Problem ist, dass verletzte Menschen oft in einem Gedankenkarussell festhängen, das sich verselbstständigt hat.
      Sie sind in einer Spirale gefangen, bei der negative Gedanken oft unangenehme Gefühle zur Folge haben, die wiederum die negativen Gedanken verstärken.
      Wenn man diesen selbstverstärkenden Gedankenprozessen nicht Einhalt gebietet, können sie in einen Zustand der »Rumination« münden, der zwanghaften Grübelei, der leider viel zu oft mit Depressionen einhergeht.
      Ich bezweifele in der Tat, dass sich das Gedankenkarussell von alleine wieder auflöst und sich stattdessen ein »Verzeihen« wie von selbst einstellt.
      Es bedarf meines Erachtens sehr gezielter Prozesse und auch aktiver, oft wochen- oder monatelanger Übung, um aus dieser Spirale auszusteigen.
      Darüber hinaus empfinde ich es auch nicht als Widerspruch, dass wir zum »Geschehen lassen« etwas beitragen.
      Ein echtes, von innen kommendes Lachen können wir zwar nicht forcieren – aber damit es geschehen kann, sollte vorher jemand ein Witz gemacht haben.
      Eine Intuition kann nur dann ihre Wirkmacht entfalten, wenn wir vorher dafür offen gewesen sind – und uns auch danach die Zeit nehmen, die neue Einsicht mit dem bestehenden Gedankengut abzugleichen.
      Wer jedoch in zwanghaften Grübeln feststeckt, wird leider viel zu wenig für Humor oder eine Dosis Weisheit offen sein.
      Darum suchen Menschen ja auch Coaches oder Therapeuten auf: Sie kommen mit eigenen Bordmitteln nicht mehr weiter und holen sich Unterstützung, um sich für eine neue Sichtweise zu öffnen.
      Und es ist meines Erachtens dieses paradoxe Zusammenspiel aus aktivem Handeln und sich Öffnen für neue Einsichten, das uns aus dem Gefängnis des »Unverzeihens« zu befreien vermag.

      Antworten
      • Bettina

        Das Problem ist, dass Du in Deinem Zweifel, „dass sich das Gedankenkarussell von alleine wieder auflöst und sich stattdessen ein »Verzeihen« wie von selbst einstellt“ fehlschlüssig suggerierst, dass a) die Auflösung von „Gedankenkarrussellen“/Rumination in einem „Verzeihen“ münde (= „stattdessen“ auftrete) und b) dass, wenn diese Auflösung von „Gedankenkarrussellen“ aktives Zutun erfordere, dies auch für das „Verzeihen“ gelte. Weder das Eine noch das Andere trifft zu. Du verknüpfst Dinge, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben, willkürlich zu einem Dir genehmen Zusammenhang. (Genau das ist das „durch die Hintertür hineinmogeln“, von dem ich sprach.)
        Das trifft auch auf Deine Aussage zu, dass ein „sich Öffnen für neue Einsichten“, „uns aus dem Gefängnis des »Unverzeihens« zu befreien“ vermöge. Auch hier ist der von Dir behauptete kausale Zusammenhang zwischen der „Auflösung von Grübelschleifen“, dem „sich Öffnen für neue Einsichten“ und einem „Verzeihen können“ rein willkürlich. Insbesondere auch die implizite Gleichsetzung von „Grübeln“ mit „Gefängnis“ und „Unverzeihen“, aus der sich der subliminale Umkehrschluss ableitet, dass ein „Nicht mehr grübeln“ mit „Befreiung aus dem Gefängnis“ und diese wiederum mit „Verzeihen“ gleichzusetzen sei. Sowas ist scheinlogische Manipulation pur. Und nicht etwa nur meiner subjektiven Meinung nach, sondern schon in der Eristik-Beschreibung Schopenhauers präzise beschrieben.
        Im Übrigen braucht es auch keine neuen „Einsichten“ und „wochen- oder monatelange Übung“, um aus Grübelschleifen herauszukommen. Wie jeder Verhaltenstherapeut weiß, braucht sich der Betroffene nur einige Male, wenn er sich dabei ertappt, wieder ins Grübeln zu geraten, ein Riechfläschchen mit „Ammoniakduft“ unter die Nase zu halten. Nach wenigen Wiederholungen hat sein Unbewusstes mittels Konditionierung gelernt, dass Grübeln keine lohnenswerte Option ist und öffnet sich für bessere Alternativen. Welche dann jedoch gerade nicht in „Verzeihen“ bestehen dürfen, wenn sie heilsam sein sollen, sondern im Aufbau von Ressourcen für das verletzte innere Kind, sich gegen Gewalt zur Wehr zu setzen und für die (Nach-)Erfüllung seiner zu kurz gekommenen Bedürfnisse zu sorgen.

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        • Martin Weiss

          Über Deine Aussage, dass ich der Meinung wäre, dass die Auflösung von „Gedankenkarrussellen“/Rumination AUTOMATISCH ins Verzeihen mündet, habe ich mich anfangs sehr gewundert.
          So etwas habe ich nie gedacht, nie gemeint und auch nirgendwo behauptet. Es ist zwar eine (!) wichtige Vorraussetzung. Aber das eine bedingt nicht zwingend das Andere.
          Die Ursache für Deine Fehleinschätzung ist am Ende Deines Beitrags zu finden: Du kennst meine Art zu arbeiten nicht.
          Wenn Du Dich wirklich eingehend mit meinen Ansätzen beschäftigt hättest, wüsstest Du zum Beispiel, dass der »Aufbau von Ressourcen für das verletzte innere Kind… und für die (Nach-)Erfüllung seiner zu kurz gekommenen Bedürfnisse zu sorgen« zu einem ganz wesentlichen Bestandteil meiner Arbeit zählt.

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          • Bettina

            Wieder mal Manipulation pur.
            Du erfindest in meine Aussage das Wort „automatisch“ hinein, um mittels Widerspruch gegen Deine Eigenerfindung erneut Deine Behauptung hereinzumogeln, das „Verzeihen“ angeblich nicht automatisch geschehen könne, sondern aktiven Zutuns bedürfe.
            Genauso unlauter verdrehst Du auch meine Aussage, dass „bessere Alternativen (zum Grübeln) … gerade nicht in „Verzeihen“ bestehen dürfen, wenn sie heilsam sein sollen, sondern im Aufbau von Ressourcen für das verletzte innere Kind, sich gegen Gewalt zur Wehr zu setzen und für die (Nach-)Erfüllung seiner zu kurz gekommenen Bedürfnisse zu sorgen“ durch Weglassen des ersten Teils so, als werfe ich Dir in Unkenntnis Deiner Arbeit das Unterlassen von etwas vor, das sogar ein „wesentlicher Bestandteil“ Deiner Arbeit sein soll.
            „Netter“ Versuch. Der aber ebenfalls nicht aufgeht. Denn hier ist nicht Deine Arbeit als solches das Thema, sondern der spezifische Punkt, dass Du mit Deinem Konzept des „Verzeihens“ völlig verkennst, dass „bessere Alternativen (zum Grübeln) … gerade nicht in „Verzeihen“ bestehen dürfen, wenn sie heilsam sein sollen“. Den natürlich geflissentlich unterschlagen hast.
            Weil lange möchtest Du Deine Rhetorikspielchen eigentlich noch fortsetzen? Denkst Du wirklich, ich und andere Leser lassen sich auf die Art für dumm verkaufen?

          • Martin Weiss

            Hi Bettina
            ich verstehe nicht, warum ich Rhetorikspielchen betreiben oder jemand für »dumm« verkaufen sollte.
            Meine Ansichten zum »Verzeihen« habe ich doch klar und deutlich in dem Interview dargelegt.
            Aber ich kann das auch gerne noch mal wiederholen.
            »Verzeihen« ist für mich nur eine Phase innerhalb eines dreiteiligen Prozesses (Erst »verstehen«. Dann » verzeihen«. Und zum Schluss – vielleicht – auch »versöhnen«.)
            Beim »Verzeihen«, wie ich es definiere, ziehen wir eine Beschuldigung ( = die im Altdeutschen »Zeihen« genannt wird) zurück, um wieder in unsere Kraft zu kommen.
            Denn wenn wir der Meinung sind, dass jemand anders uns das Leben versaut hat (»Du bist Schuld, dass es mir so schlecht geht«), geben wir unsere Kraft an den oder die Täter*in ab und landen schnurstracks im Jammertal des Opferdenkens. Wir fühlen uns hilflos und ohnmächtig – und bezichtigen (»zeihen«) den anderen solange, bis er sich wieder bei uns »ent-schuldigt«.
            Diese Rechnung geht dann auf, wenn der Beschuldigte »Reue« zeigt: Also einsieht, dass er sich uns gegenüber falsch verhalten hat, den Schaden wieder ausgleicht und dafür sorgt, dass er zukünftig anders handelt. In einem solchen Falle können wir uns sogar wieder mit jemanden »versöhnen« (Phase 3 des Prozesses, den ich im Interview beschreibe).
            Aber was, wenn das nicht passiert? Was, wenn der Täter oder die Täterin über alle Berge ist oder einfach nicht einsieht, dass er oder sie falsch gehandelt hat?
            Natürlich kann man in einer solchen Situation die Hände in den Schoß legen und darauf hoffen, dass das »Verzeihen« wie durch ein Wunder von ganz allein geschieht.
            Meines Erachtens landen Menschen, die nicht verzeihen, oft in Lebensumständen,in denen sich das alte Drama eins ums andere mal wiederholt. Denn sie haben bis jetzt nichts aus ihrer alten Geschichte gelernt oder lernen können.
            Stattdessen geraten sie in eine grübelnde Denkschleife (»Runmination«), in denen sie ihr »Unglück« eins ums andere Mal wiederkäuen, ohne weiter zu kommen.
            Dabei gerät ihr Leben in eine Abwärtsspirale, die immer schlimmer und nerviger wird, bis sie irgendwann genug davon haben und endlich das machen, was sie von Anfang hätten tun sollen: Verantwortung für ihre Situation zu übernehmen und ihr Leben wieder selbst zu gestalten.
            In dem Augenblick, in dem sie für ihr eigenes Lebensglück Verantwortung übernehmen, und zwar unabhängig davon, wer was wann mal getan oder unterlassen hat, beginnen sie zu »verzeihen«.
            Statt ihre Energie weiter aufs »Zeihen«, auf Anschuldigungen und Anklagen zu verschwenden, konzentrieren sie ihre Kraft auf das, was sie sich wünschen und brauchen.
            Du siehst, dass ich »Verzeihen« vollkommen anders definiere als Du oder auch die von Dir weiter oben zitierte Autorin Sanchez. Aber das hatte ich in dem oben verlinkten Interview ja auch eindeutig so gesagt und ich bin bis dato auch davon ausgegangen, dass Du es Dir angehört hast.
            Das »Problem« dabei ist, dass wir verletzte Anteile in uns haben, die nicht immer sofort mitziehen. Manchmal aus Angst, erneut verletzt zu werden. Manchmal aber auch aus Trotz, weil wir selbst so lange verdrängt und bekämpft haben.
            Wer in einem solchen Szenario versucht, die inneren Anteile zu einem »Verzeihen« zwingen, wiederholt womöglich genau das gleiche Unrecht, das ihnen seinerzeit angetan worden ist. An dieser Stelle gebe ich der Autorin Sanchez voll und ganz recht.
            Hier ist vielmehr liebevolle Achtsamkeit, sehr viel Wertschätzung und manchmal auch eine ordentliche Dosis Geduld gefragt. Vor allem, wenn es sich um wirklich schwere Verletzungen handelt.
            Meine Erfahrung nach warten diese Anteile, so grumpelig sie auch sein mögen, eigentlich nur darauf, endlich in den Arm genommen und aus ihrer Einsamkeit und Isolation befreit zu werden.
            Es bedarf also meines Erachtens ganz eindeutig mindestens einer klaren und eindeutigen Intention, mit dem Vergangenen abzuschließen. In schwereren Fällen wie bspw. Traumata sind unser Tatkraft, unserer Entschlossenheit und unseres aktiven Handeln gefragt: Meist in der Form, dass man bereit ist, in Therapie zu gehen und sich den eigenen Wunden zu stellen. Von alleine wird sich das meines Erachtens nicht regeln.
            Tun wir das nicht, kann leider eintreten, was ein Sprichwort besagt: Verletzte Menschen verletzen Menschen.
            Meines Erachtens ließe sich viel Unglück auf der Welt verhindern, wenn jeder von uns Verantwortung für sich und die eigenen Wunden übernimmt und alles dafür tut, dass es einem wieder selbst gut geht.
            Deswegen halte ich Deine Meinung, dass der Prozess des »Verzeihens« ohne unsere aktives Zutun funktioniert, für falsch und im wahrsten Sinne des Wortes verantwortungslos.
            Ich hoffe, dass das nun genügend »ungemogelter« Klartext ohne jedwede »Hintertür« genug war.
            Ich denke, es ist klar, dass wir beide sehr unterschiedlich denken und fühlen – und dass es wenig Sinn macht, unsere Unterhaltung fortzuführen.
            Manche Lebenseinstellungen passen einfach nicht überein. In unserem Fall sind sie sogar diametral verschieden.
            Ich finde das ok.
            Ich kann mit diesen Unterschieden gut leben. Und ich hoffe Du auch.
            Martin

  6. Bettina

    Hallo Martin,
    wenn Du meinst, dass es sich nicht lohne, unsere Unterhaltung fortzusetzen, steht es Dir selbstverständlich frei, Dich jederzeit zurückzuziehen. Ich persönlich werde mich so lange äußern, wie ich es für notwendig halte. Was insbesondere der Fall sein wird, wenn Du weiter versuchst, Dich mit unfairen Wort-, Sinn- und Faktenverdrehungen aus der Affäre zu ziehen. So wie auch jetzt wieder, indem Du mir gezieltes „Vorgehen“ unterstellst, Dich als „Betrüger“ zu diffamieren. Du weißt selbst, wie unseriös derlei Umdeutungsrhetorik ist.
    Im Übrigen verwechselst Du (Unkenntnis oder Absicht?) „Metaebene“ mit „Sachebene“. Metakommunikation, sprich Kommunikation über die Art der Kommunikation, ist dann angebracht, wenn jemand versucht, seine Interessen mit unsauberen, insbesondere verdeckten manipulativ-rhetorischen Mitteln durchzusetzen. So wie Du es tust, und auch jetzt wieder versuchst. Es geht nicht um die Frage, „warum“ Du Rhetorikspielchen betreiben „solltest“, sondern DASS Du das tust. Du versuchst, wie jeder Leser unter den Stichworten „Eristik“ und „Rabulistik“ leicht nachgooglen kann, erfolglos zu bestreiten, dass Du Dich unseriöser Praktiken bedienst.
    Zu derlei Manipulationsrhetorik gehört auch, dass Du mir wider besseres Wissen unterstellst, ich sei der Meinung, „dass der Prozess des »Verzeihens« ohne unsere aktives Zutun funktioniere“ und DEINE eigene Falschbehauptung MIR als „verantwortungslos“ unterzuschieben versuchst. Nochmal: Ich habe klar und deutlich gesagt, dass Verzeihen (i.S.v. damit aufhören, sich immer wieder die Schuld eines anderen ins Gedächtnis zu rufen und damit das erlebte Leid wach zu halten) kein beeinflussbarer Prozess ist, sondern ein emergentes (nicht vorhersagbares und nicht absichtlich hervorrufbares) Ereignis eines selbstorganisatorischen Prozesses der Psyche.
    Aktives verzeihen wollen, wie Du es hier zu missionieren versuchst, funktioniert nicht und ist unter dem Ziel der Wiedererlangung psychischen Wohlbefindens schlicht das falsche Mittel. Was funktioniert, sind bewährte traumatherapeutische Verfahren. Bei diesen geht es (hinreichend up to date gehaltene Kompetenz und ein intaktes Verantwortungsgefühl des Therapeuten/Coachs vorausgesetzt) jedoch gerade NICHT darum, zu verzeihen/vergeben und eine „Schuld zurückzuziehen“, sondern genau andersherum darum, eine objektiv vorhandene Schuld weiterhin beim Täter zu belassen, jedoch mit einem deutlich neutraleren Gefühl als bisher auf das Geschehene zu reagieren.
    Einen Täter weiterhin als Schuldigen zu betrachten und sich GLEICHZEITIG nicht mehr schlecht zu fühlen, kommt offenbar in den Grenzen Deines Feldes der denkbaren Möglichkeiten nicht vor, ist jedoch gelebter Alltag fachkundiger traumatherapeutischer Arbeit. Vielleicht solltest Du ein weniger mehr über den Tellerrand spiritueller Simplifizierungen gucken? Und Dir auch mal klarmachen, welche Folgen der Imperativ „Du musst verzeihen, wenn es Dir wieder gut gehen soll“ hat. Insbesondere, wenn er auch noch mit der von Dir benutzten „spirituellen“ Drohung daher kommt, man häufe sonst „schlechtes Karma“ an und erleide weitere höllische Qualen, wenn man nicht verzeihe („Wiederholungen von Dramen, Grübelschleifen, Abwärtsspiralen“) und zwar solange, bis man endlich auf den „rechten Weg“ des Verzeihens finde.
    „Geht’s noch?“, kann ich da nur fragen. In einem Video prangerst Du an, wie die Kirche versucht, Ungläubige durch Angstmacherei gläubig zu machen. Und was tust Du? Exakt dasselbe! Um Dein Konzept des „Verzeihens als Seelenheil“ zu verkaufen, überziehst Du Deine Leserschaft gleichfalls mit massiven Einschüchterungsversuchen. Walk what you talk? Bei Dir offensichtlich Fehlanzeige. Oder um es biblisch auszudrücken: Du monierst den „Splitter“ im Auge der Kirche und übersiehst den „Balken“ in Deinem eigenen.
    Welcher auch darin besteht, dass Dein Verzeihensdruck das natürliche Geschehen des Nichtverzeihens bekämpft und ausgegrenzte/abgespaltene Schattenanteile schafft. Macht sich das (faktische) Opfer derlei Imperative zudem als Introjekte zu eigen, wird sein Verzeihenwollen angesichts der Unmöglichkeit, ein emergentes Geschehen hervorzurufen, zudem zu einem Erleben des „Nicht Könnens“. Welches nicht nur das Selbstwirksamkeitsempfinden der Betroffenen nachhaltig schädigt, sondern auch metatraumatisierend wirkt. Und WOHIN wird auch die dem Täter zugeschriebene Schuld im Bemühen um „Verzeihen“ zurückgezogen? Leider geht die Sache oft genug „return to sender“ und die Schuld des Täters landet beim Opfer. Sowohl in dessen Eigenwahrnehmung („Ich bin selbst schuld, wenn es mir schlecht geht.“) als auch in hinlänglich bekannten Schuldzuschreibungen aus der Umwelt: „Hättest Du Dich nicht so aufreizend angezogen, wärst Du auch nicht vergewaltigt worden.“
    Das Konzept des „Verzeihens“, wie Du es propagierst, ist nicht nur meiner Auffassung nach Pseudopsychologie und – ungeachtet, welches „andere“ Verständnis von „Verzeihen“ Du diesem zugrunde legst – in seiner Wirkung schlicht destruktiv. Richtigerweise schreibst Du zwar, dass es kontraproduktiv wäre, „verletzte Anteile“ in irgendeiner Weise zu etwas zwingen zu wollen und dass diese eher Zuwendung benötigen. Wie sich daraus jedoch „also … ganz eindeutig“ erschließen soll, dass es „mindestens einer klaren und eindeutigen Intention [bedürfe], mit dem Vergangenen abzuschließen“, bleibt schleierhaft. Im Volksmund kennt man solche „Argumente“ als „an den Haaren herbeigezogen“, in der Rhetorik als „Behauptungen, die jeder Grundlage entbehren“.
    Im Übrigen sind es nicht „Tatkraft und Entschlossenheit“, die traumatisierte Menschen in eine Therapie bringen, sondern schlicht ihr Leidensdruck. Und der ist nicht gleichzusetzen mit der „Bereitschaft, sich den eigenen Wunden zu stellen“ oder gar einer „Veränderungsbereitschaft“. Regelfall ist vielmehr, dass Klienten sich mit dem Wunsch „Wasch mich, aber mach mich nicht nass“ eine bequeme verbale „Psychopille“ erhoffen, durch die sie ihr Leiden schnellstmöglich wieder los werden.
    Dass sich Psychotherapie „nicht von alleine regelt“, sprich nicht ohne aktive eigene Mitarbeit erfolgreich sein kann, mag zwar aus Deiner Sicht selbstverständlich sein, ist es aus gefühlter Klientensicht keineswegs. Hier muss die Psychotherapie vielmehr zunächst einmal entsprechende Motivationsarbeit leisten. Welche jedoch insbesondere NICHT darin besteht, traumatisierte Menschen mit „spirituellen“ Appellen zu belegen, „Verantwortung für sich und die eigenen Wunden zu übernehmen“. Derlei Begrifflichkeiten lösen bei mir inzwischen fast eine Art „Brechreiz“ aus, weil sie so unglaublich destruktiv sind. Denn auf subtile Art wird hier den Betroffenen untergeschoben, dass alles Unglück in ihrer Welt sich hätte verhindern lassen, wenn sie nur genügend Verantwortung für sich und ihre eigenen Verletzungen übernommen hätten. Und dass es ihnen deshalb nicht besser geht, weil sie eben nicht genügend dafür getan haben. So eine Haltung empfinde ich als schlicht menschenverachtend. Trotzdem will ich Dir keine Absicht unterstellen, sondern gehe davon aus, dass Du es einfach nicht besser weißt und in der oberflächlich-vagen Begriffswelt der spirituellen Szene und in Deinen mit dieser verknüpften pekuniären Interessen inzwischen so verstrickt bist, dass Du über Deine Wortwahl und deren Implikationen gar nicht mehr nachdenkst.
    Wie Du aus so einer Haltung auch noch ableiten willst („Deswegen …“), dass ich „falsch“ und „verantwortlungslos“ behauptet habe, „dass der Prozess des »Verzeihens« ohne unsere aktives Zutun funktioniere“, entbehrt nicht nur jeder Logik, sondern beruht auch noch auf Deiner freien Erfindung. Ich habe dazu oben bereits ausführlich Stellung genommen und erspare mir deshalb Wiederholungen. Ebenso auch Näheres zur Verantwortungslosigkeit Deines persönlichen Denkens und Handelns. Mögen sich Deine Leser ihr eigenes Urteil bilden.
    Insoweit Du noch feststellst, dass unsere Lebenseinstellungen wohl „diametral verschieden“ sind, hoffe ich doch sehr, dass Du recht hast. Denn diejenige, die Du hier durchscheinen lässt, würde ich um nichts in der Welt geschenkt haben wollen.
    Bettina

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